Holtenauer Geschichte

Home - Index - News - Updates - Impressum

Die Germania von Holtenau

Anläßlich der Grundsteinlegung des Kaiser-Wilhelm-Kanals im Jahr 1887 wurde von der Howald-Werft eine Schiffsattrappe gebaut, die auf dem Festplatz in Holtenau installiert wurde. Ihren Bug schmückte eine große Germania. Diese imposante Frauenplastik wurde folgen­der­maßen beschrieben:

Auf der Spitze des Vorderstevens trug das Schiff eine wehrhafte, an vier Meter hohe Germania, gestützt auf den Reichsschild, die rechte Hand am Schwerte. Diese Figur hatte man in Bronce gehalten, welche jedoch an den Körpertheilen, an Gewand und Waffen verschiedenartige Tönung aufwies.

Germania Abb.: Die Germania auf dem Festschiff bei der Grundsteinlegungsfeier von 1887 auf dem Platz vor dem Kanalpackhaus.

Die Statue der Germania, die bisher auf dem Grundstein gestanden hatte, wurde vor dem Verwaltungs­gebäude der Kaiserlichen Kanalkommission aufgestellt.

Germania Abb.: Die Holtenauer Germania.

Das weitere Schicksal der oben erwähnten kollosalen Gipsfgur der “Germania” wird im folgenden von dem ehemaligen Holtenauer Lotsen Walter Schimanski beschrieben:

Die Germania von Holtenau
Wer Abbildungen irgendwelcher Art von der Grundsteinlegung zum Nord-Ostsee-Kanal gesehen hat, wird sich erinnern, dass die für diesen Zweck an Land gebaute Schiffsattrappe; das Vorschiff eines größeren Dampfers von 1/5 seiner Länge, wie sie wohl späterhin im Nordostsee- und Fernverkehr den Kanal häufig passieren werden; einen bisher nie gesehenen wirkungsvollen Hintergrund abgegeben hat. Auf dem vordersten Teil der Attrappe – der Seemann sagt dazu “im Bug” – stand, in etwa 15m Höhe vom Erdboden gerechnet, unseres Reiches Schirmherrin, die Kolossalfigur der Germania.
Von dieser hohen Warte wandte die Germania ihren Blick dorthin, wo das gigantische Werk des Kanals entstehen sollte und scheint den Tag herbeizusehnen, da sie sich wieder erheben wird, das fertige Werk zu begrüßen.
Keine Chronik, keine Biographie bringt Kunde, woher diese Germania kam und wo sie hinging. Alte Holtenauer Bürger von 70 Jahren und darüber gaben mir kurze Andeutungen, was mich veranlasste, alles zu erforschen. Wohl haben Berichterstatter damaliger Zeiten die Anwesenheit der Germania erwähnt, doch in Ermangelung präziser Quellen können meine Ausführungen keinen urkundlichen Wert haben. Ob die Germania gleich vielen anderen aus Gips gefertigten Schiffsemblemen und anderen wichtigen Schaustücken von außerhalb Kiels herangeschafft und die Germania dabei Schiffbruch erlitten haben sollte, kann nicht mehr nachgeprüft werden. Doch unzweifelhaft steht fest, dass die Geburtsstunde dieser Germania in Holtenau schlug.
Das Geburtshaus der Germania stand in Holtenau in Gestalt eines Schuppens oder einer kleinen Scheune auf dem Gewese der früheren Dienstwohnung des Hafenkapitäns, der Villa von Kaufmann Hans Grimm gegenüber. Das Gelände gehörte damals dem Wasserbauamt Rendsburg und wird dieses wohl auch dem Kanalmaler Rotenbacher zum Aufbau der etwa 3m hohen und recht umfangreichen Germania gestellt haben.
Man wird in der Annahme kaum fehlgehen, dass die markigen, aber dennoch schönen Gesichtszüge das Werk eines unbekannten Meisters gewesen sind.
Wessen Erinnerungen in die Schulzeit zurückreichen, der mag gelungene Vergleiche zwischen der werdenden Germania und Johann Gottfried Herders Gedicht (1744 - 1803) “Das Kind der Sorge” anstellen.
Nachdem die historische Feier der Grundsteinlegung beendet war, wurde in den nächsten Tagen mit dem Abbruch der Schiffsattrappe usw. begonnen. Der Grundstein wurde mit schweren Steinfindlingen beschwert, die durch einige Eimer Mörtel verbunden wurden. Dann wurde die Germania auf diesen Sockel gestellt, um ihres Amtes als Hüterin des Schatulleninhalts zu walten, der sich unter dem Grundstein befand. Als gegen Ende von 1893 / Anfang 1894 der Bau der Schleusen so weit fortgeschritten war, wurde der Grundstein an geeigneter Stelle in die Nordschleuse eingebaut. Eine zweite Möglichkeit des Standortwechsels ist folgende: Bei der Schlußsteinlegung zum Nord-Ostsee-Kanal am 21. Juni 1895, die ja gleichzeitig die Kanaleröffnung war, wurde auch der Grundstein zum Denkmal “Kaiser Wilhelm der Große” gelegt, dessen Enthüllung am 25. Juni 1900 stattfand.
Damit war die Germania ihrer vornehmen Aufgabe entbunden, und erhielt, da sie ja bisher stets auf geweihtem Boden gestanden hatte, auf einem fiskalischen Grundstück an der Kreuzung der Kastanienallee und der Königsstrasse einen Ehrenplatz, der mit exotischen Bäumen umpfanzt wurde und eine leichte Drahtumzäunung erhielt. Auf dieser Stelle wurde die Germania im Bild festgehalten.
Wie oben Reporter berichteten, war die Germania aus Gips hergestellt. Um diese Masse vor Witterungseinflüssen, besonders Schnee und Regen zu schützen, musste die Bekleidung der Germania öfters einer Erneuerung unterzogen werden, um sie standhaft und repräsentabel zu erhalten, wozu man sich guter Ölfarbe bediente.
Als nun Germania ihre Ruhestellung bezogen hatte, schienen die Unterhaltungskosten ihre Rubrik im Etat eingebüßt zu haben. Jedenfalls traten nun bald Verfallserscheinungen auf, die ein Abblättern der alten Gewänder zur Folge hatten.
Die ihrer vielfachen Schutzhüllen beraubte Figur, die man sich jetzt scheuen muss, mit Germania anzusprechen, zeigte bald Erosionserscheinungen. diese wiederum verführten die Holtenauer Jugend zu Zielübungen mit großen Kieseln, denen das Wrack nicht lange gewachsen war. Ich konnte mehrfach feststellen, dass die Germania an der letztbeschriebenen Stelle noch 1902 gestanden hat. Mit frenetischem Jubel mag das Umkippen der Wehrlosen Gipsmassen begleitet worden sein, worauf die Bruchstücke in würdeloser Weise recht tief vergraben wurden, da sie für jeden anderen Zweck sich als ungeeignet erwiesen.
Kein Reporter hat uns dieses berichtet; kein Aktenstück verzeichnet diese traurige Feststellung. Doch warum Tatsachen verschweigen, die besser unterblieben wären. Vielleicht werden meine Ausführungen noch mal in das Gedankengut unseres Volkes Eingang finden.

Zusammengestellt durch Walter Schimanski, Kanallotse i. R. Kiel-Holtenau, April 1955.

Lotse Schimanski hatte sein Wohnhaus in der Kastanienallee Nr. 8a erbaut.

Die Germania Abb.: Die Germania in der Kastanienallee.

Siehe auch:

© Bert Morio 2017 — Zuletzt geändert: 15-09-2017 13:19