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Seit über einhundert Jahren gibt es die deutsche Seemannsmission, die im In- und Ausland die Seeleute und deren Angehörige betreut, ungeachtet ihrer Herkunft oder Religion. Im April 1926 begann offiziell die Arbeit der Seemannsmission in Kiel-Holtenau durch den Seemanns-diakon Kirchberg. Zur damaligen Zeit lag der Schwerpunkt der Arbeit in kurzen Schiffsbesuchen der Seemänner auf den den Kaiser-Wilhelm-Kanal passierenden Schiffen.
Abb.:
Das Seemannsheim Holtenau im Dritten Reich. Inzwischen gibt es
einen Anbau auf der rechten Seite.
In der Zeit zwischen den Weltkriegen war die Holtenauer Schleuse ein wichtiger Ort
für die Musterung der Seeleute. Damals warteten täglich bis zu 30
Seeleute auf ein neues Schiff. Nicht selten vergingen dabei
Wochen, manchmal aber auch Monate. In der halben Stunde, die ein
Schiff in der Schleuse lag, entschied sich viele Male am Tag das
Schicksal eines wartenden Seemannes. Da die Schiffe nicht vorher
meldeten, ob sie Mannschaftsersatz suchten, hieß das für die
Wartenden, Tag und Nacht präsent zu sein. Die Lage auf der
Schleuse wurde schließlich so katastrophal, daß 1930 die Schleswig-Holsteinische
Volkszeitung
in einem aufwühlenden Artikel darüber
berichtete.
Die Zahl der in Holtenau wartenden Seeleute beträgt stets etwa 30 Mann. Diese 30 Seeleute, Stewards, Schmierer, Bootsleute, Maschinisten packen ihren Seesack und warten in Holtenau wochen-, ja monatelang bis ein Schiff kommt, das ihre Hilfe benötigt. Und während das Schiff sich einschleust, geht die Musterung vonstatten. Eine halbe Stunde, nicht länger, liegt das Schiff fest. Und diese halbe Stunde ist die Stunde der Hoffnung für die auf der Heuerstelle wartenden Menschen. Wochen- und monatelang müssen die Leute in Holtenau warten. Tag und Nacht müssen die Seeleute dort sein. Kein Kapitän meldet von weither, daß er Mannschaftsersatz braucht, kein Seemann wird früher benachrichtigt, als bis das Schiff in der Schleuse liegt. Und so stehen sie immer alle auf dem Sprung, alle dreißig Mann.
Inzwischen wurde der Wunsch, ein eigenes SH zu besitzen, immer lebhafter. Schon 1929 lagen Pläne für den Bau auf der Südseite des Kanals bereit. Sie scheiterten an den Kosten, ebenso verschiedene Angebote von Häusern zum Kauf oder zur Miete. Da bat der hannoversche Vorstand die Kanalverwaltung um käufliche Überlassung eines Grundstücks in der Nähe des Leuchtturms. Auf diesem errichtete der Architekt Dr. Stoltenberg ein schlichtes aber anheimelndes Gebäude. Es enthielt neben der Hauselternwohnung zwei Lesezimmer und vier Betten für Seemannsfrauen. Später wurden auch in einem der Lesezimmer, in Notzeiten ebenfalls im Keller, Betten aufgestellt.1
Aber es sollte trotz zähen Ringens noch weitere 5 Jahre dauern bis endlich am 13. Juni 1935 das Holtenauer Seemannsheim eingeweiht werden konnte, damals das kleinste Heim Deutsch-lands. Die Heimleitung hatte nach der Versetzung des SD Kirchberg seit 1931 der SD Klingsöhr.
Nicht nur die Arbeit der Holtenauer Kirchengemeinde,
auch die der Seemannsmission wurde durch die Nationalsozialisten
zunehmend eingeengt – so war beispielsweise das Sammeln für die
Seemannsmission verboten. Gleichzeitig übernahm die Abteilung
Seefahrt
der NSDAP in
Holtenau immer mehr originäre Funktionen der Seemannsmission.
Schon die Weihnachtsfeier des Jahres 1933 für die Besatzungen der
im Holtenauer Vorhafen liegenden Küstensegler wurde von den
Nationalsozialisten organisiert, wobei man ein besonderes
Augenmerk auf die Schiffsjungen legte, die man wohl ideologisch am
leichtesten für sich gewinnen zu können glaubte. Ort der Feier war
die Gastwirtschaft Zur
Kanalmündung
. Gleichzeitig bewachten Männer des
SA-Marinesturmes die besatzungslosen Schiffe.
Während des Zweiten Weltkrieges wurden alle verfügbaren Handelsschiffe der Marine zugeordnet oder für den Erztransport aus Skandinavien eingesetzt. Die Seeleute wurden entweder als Marinesoldaten verpflichtet oder blieben auf ihren Schiffen stationiert. Während anfangs die Arbeit der Seemannsmission weiter ging und nun auch Rüstungsarbeiter und Reservisten betreut wurden, erschwerten die Parteidienststellen die Durchführung ihrer Aufgaben immer mehr. So durften keine Schiffsbesuche mehr durchgeführt werden und nicht mehr zu Andachten oder Bibelstunden eingeladen werden. Fliegeralarme, fehlendes Heizmaterial und fehlende Verpflegung kamen als Erschwernis dazu. Das Holtenauer See-mannsheim wurde erst Marineheim und schließlich Dienststelle des Hafenarztes.
... kommt noch ...
Abb.:
Das Seemannsheim im Juli 1963.
Das Holtenauer Seemannsheim wurde 1991 durch einen Erweiterungsbau nach Osten mit Kapelle, Lotsenarchiv (siehe Lotsen) und Tagungsraum vergrößert.
Das Bedürfnis, für die auf der Schleuse wartenden Seemannsfrauen Unterkunftsräume zu schaffen, war schon 1930 anerkannt. Ein auf der Schleuse zugelassener Händler nahm sich ihrer privat an und stellte einige Betten hinter dem Laden auf. Das genügte ebenso wenig wie die vier Betten, die im SH an der Nordseite des Kanals 1935 für Seemannsfrauen freigehalten wurden. Die Hotelzimmer im Ort konnten oder wollten sie nicht bezahlen. So warteten sie bei jedem Wetter auf der Schleuse oder suchten Unterkunft in unzulänglichen Räumen.2
Neben dem Seemannsheim in der Kanalstraße
wurde 1938 durch die NSDAP ein Heim
für Seemannsfrauen
eingerichtet, das der
Unterbringung von wartenden Familienangehörigen der Seemänner
diente. Während des Zweiten Weltkrieges
wurde dieses Haus durch Bomben zerstört.
Abb.:
Das Seemannsfrauenheim auf der Holtenauer Schleuse.
Das hatte zur Folge, daß nach Kriegsende die wartenden
Angehörigen anfangs bei Wind und Wetter im Freien stehen mußten,
bis 1951 seitens der Kanalverwaltung auf der Südschleuse ein Teil
eines Hauses mit 12 Betten und einer Küche als Seemannsfrauenheim
für diesen Zweck frei gemacht wurde. Heute heißt dieses Haus
wieder Seemannsheim
und dient vorrangig Seeleuten
als Unterkunft, die auf ihr Schiff warten oder in Holtenau
abmustern.
Abb.:
Das Seemannsfrauenheim. [Magnussen, Friedrich (1914-1987)-(CC
BY-SA 3.0 DE)]
Siehe auch:
© Bert Morio — Zuletzt geändert: 18-09-2017
Thun, W.: Werden und Wachsen der Deutschen Evangelischen Seemannsmission. Im Selbstverlag der Deutschen Seemannsmission, Bremen / Hamburg-Altona 1939, S. 81. ↩
Thun, W.: Werden und Wachsen der Deutschen Evangelischen Seemannsmission. Im Selbstverlag der Deutschen Seemannsmission, Bremen / Hamburg-Altona 1939, S. 83. ↩