Nach der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen stellte sich die Frage nach der Verteidigung der Nordflanke des zukünftigen Reiches. Da man davon aus ging, daß es sich bei einem solchen Angriff um Seestreitkräfte handeln würde, Preußen jedoch nur ein schwaches Potential zur Seekriegsführung besaß und nicht in der Lage gewesen wäre, einem solchen Angriff durch seine Seestreitkräfte erfolgreich zu begegnen, mußte der Schwerpunkt auf die Küstenverteidigung gelegt werden.
Abb.
Die Kasematten des Fort Holtenau.
Da der Aufbau einer schlagkräftigen Flotte hingegen noch Jahre brauchen würde, war es oberstes Ziel, die Verteidigung der Häfen und Flußmündungen mit Hilfe von Festungsanlagen sicherzustellen. Noch im Deutsch-Französichen Krieg 1870/71 hatten die preußischen Militärs einem in der Ostsee kreuzenden französischen Geschwader nichts entgegenzusetzen.
Dies galt auch für die Kieler Förde, die in den darauf folgenden Jahren mit einer Reihe von Verteidigungsanlagen ausgebaut wurde. Zentrum dieser Verteidigung wurde die Festung Friedrichsort, die in 10jähriger Bauzeit modernisiert und erweitert wurde. In der weiteren Umgebung der Festung wurden seit 1888 von Schilksee bis nach Holtenau umfangreiche militärische Anlagen errichtet, die einen landseitigen Schutz der Festung Friedrichsort ermöglichen sollten.
Abb.:
Das Fort Holtenau aus der Luft.
Ausschlaggebend für diese rege Bautätigkeit war ein Manöver im Jahre 1881, das den kaiserlichen Militärs vor Augen geführt hatte, daß viele der Festungsanlagen durchaus anfällig für Angriffe von der Landseite her waren, gelang es einem potentiellen Gegner erst einmal, mit Truppen an der Außenförde an der Strander Bucht oder zwischen Laboe und Stein am gegenseitigen Ufer, ja sogar in der Eckernförder Bucht, zu landen. Der Bau der Forts Holtenau, Herwarth und Röbsdorf war eine direkte Folge dieser Erkenntnis. Dieses Denken und die Entwicklung der Militärtechnik führten dazu, daß man in späteren Jahren sogar so weit ging, die Howachter Bucht als mögliches Landungsziel für feindliche Angriffe auf den Kieler Hafen mit ins Kalkül zu ziehen.
Tabelle: Der Kieler Festungsring im Jahre 1888.
Westseite: |
Ostseite: |
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Das Fort Holtenau wurde von 1887 bis 1888 hinter dem Voßbrook (dem Uferbereich, der zum Holtenauer Meierhof gehörte)
landeinwärts hinter der Quarantäneanstalt
an der Stelle der ehemaligen Kate
Distelrade gebaut und besaß eine Besatzung von 263 Mann (13
Offiziere und 250 Mannschaften), die mit 6 Geschützen bewaffnet
war. In einer alten Aufstellung heißt es jedoch, daß das Fort bei
Kriegsausbruch 1914 über keine Geschütze mehr verfügte, sondern
nur noch für die Verteidigung durch Infanterie vorgesehen
sei.
Abb.: Auf
dieser Karte von 1924 erkennt man die Lage der Kate Distelrade,
neben der das inzwischen geschleifte Fort Holtenau lag.
Das Fort hatte eine trapezförmige Gestalt, wobei die längere
Seite mit ca. 220 Metern nach Osten lag. Wie alle Anlagen aus
damaliger Zeit hatte es unterirdische Kasematten. Für ein freies
Schußfeld in Richtung Kieler Förde wurde ein Teil des Voßbrooker Waldes gerodet. Das damals
errichtete Sperrfort befand sich also auf dem Gelände des heutigen
Flughafens. Mit der Festung Friedrichsort war das Fort Holtenau
durch eine in den Jahren 1887-90 angelegte Fortifikationsstraße
,
zu der eine seitliche Lorenbahn gehörte, verbunden, die am Prieser
Strand entlang über Stegelhörn (siehe Steckendammsau) und die Muschelkate führte.
Abb.: Luftbild des Fort Holtenau. Dahinter die
Kate Distelrade.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Fort Holtenau wie alle anderen deutschen Festungsanlagen geschleift und von 1924 bis 1926 wurden die Überreste im Rahmen der Erweiterung des Flugplatzes Holtenau vollständig beseitigt und das gesamte Gelände eingeebnet.
Abb.: Entfestigung eines Forts nahe des Kanals bei Kiel: Eine
28-cm-Kanone wird zerstört.
Über die Entfestigungsarbeiten am Fort Holtenau berichtete damals die Kieler Zeitung:
Sprengung auf Sprengung mußte erfolgen, um das feste Gefüge des Ziegelmauerwerks der Feste zu lockern und bald lag auf der Sohle der abgetragenen Wälle ein Heer mächtiger Findlinge und großer Blöcke vom Mauerwerk.1
Einige Begrenzungssteine des Forts (so genannte Rayonsteine
)
wurden in den letzten Jahrzehnten wiedergefunden und an der Ecke Immelmanstraße-Dittmarweg und
nahe der Ecke Gravensteiner Straße-Kanalstraße
aufgestellt. Sie sind die einzigen erhaltenen Zeugen des
ehemaligen Forts.
Mit den Rayonsteinen wurde das so genannte Festungsrayon
markiert, d. h. jener Bereich um eine Festungsanlage, in dem es
mit Rücksicht auf ein freies Schußfeld gewisse Auflagen gab, z. B.
hinsichtlich der Bebauung. So konnten im Kriegsfall Gebäude oder
andere Hindernisse innerhalb des Festungsrayons niedergerissen
werden, wie es beispielsweise bei Ausbruch des Ersten
Weltkrieges Teilen des Waldes Voßbrook
widerfuhr.
Abb.: Rayonstein Gravensteiner Straße Ecke
Kanalstraße.
Abb.: Die vier Rayonsteine im Dittmarweg.
Abb.: 2 Rayonsteine Immelmannstraße Nr.
19.
Schön wäre es, gäbe es wie am Holtenauer Leuchtturm eine Informationstafel über das Fort Holtenau. Denn während nahezu jeder den Leuchtturm kennt, ist das ehemalige Fort wohl auch den meisten Holtenauern unbekannt.
© Bert Morio 2017
— Zuletzt geändert: 25-09-2017 22:09
Kieler Zeitung, 4. August 1927. ↩