Holtenauer Geschichte

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Das Kriegsende in Holtenau

In den letzten Kriegswochen wurden die Kämpfe in Norddeutschland seitens der hier vorrückenden Briten mit unverminderter Härte ausgetragen obwohl sich die Wehrmacht bereits in völliger Auflösung befand. Den Briten ging es in Norddeutschland vor allem darum, ein Vordringen der Roten Armee bis nach Schleswig-Holstein und Dänemark … und damit möglicherweise bis an die Nordsee zu verhindern.

Alliierte Aufnahme Abb.: Alliierte Aufnahme eines im Kaiser-Wilhelm-Kanal bei Holtenau versenkten Schiffes aus dem Juli 1945.

Die Ausgangslage in Norddeutschland

Nachdem er nach Hitlers Selbstmord als Oberbefehlshaber eingesetzt worden war, gab Großadmiral Dönitz den Befehl, nur dann noch gegen die Briten und Amerikaner zu kämpfen, wenn diese die Wehrmacht daran hinderten, ihrerseits gegen die Rote Armee vorzugehen. Ziel der Wehrmacht sei es nun, daß Tor zum Norden so lange wie möglich offen zu halten, um so vielen Menschen wie möglich die Flucht vor der Roten Armee zu ermöglichen.

Nachdem die Rote Armee schon am 2. Mai Rostock besetzt hatte, versuchten die Briten mit allen Mitteln zu verhindern, daß die Sowjets weiter nach Westen vordringen konnten, indem man versuchte, seinerseits die Ostsee zu erreichen und damit den Sowjets den Weg abzuschneiden. Dies gelang den Briten und Kanadiern, indem sie am 2. Mai nur wenige Stunden vor der Roten Armee Wismar erreichten, dort an der Rostocker Straße auf Höhe des Soldatenfriedhofes einen Schlagbaum errichten und so das Gebiet westwärts gegen die Rote Armee absperren, die ihrerseits einen Schlagbaum bei Kritzowburg errichtete.

Damit war den sowjetischen Truppen ein weiterer Vorstoß nach Schleswig-Holstein und an die Nordseeküste verwehrt. Eine zusammenhängende deutsche Front in Ostholstein gab es nicht mehr und damit stand den Briten nun der Weg nach Kiel offen.

Nachdem die Briten die Ostseeküste erreicht hatten, ergab sich für Dönitz eine neue militärische Lage, aus der er sogleich die Konsequenz zog, daß hier der deutsche Widerstand gegen die Briten sinnlos geworden war. Dönitz beauftragte daher noch am selben Abend Generaladmiral von Friedeburg, sich in das Hauptquartier Montgomerys in Wendisch-Evern bei Lüneburg zu begeben und eine Teilkapitulation für Nordwestdeutschland auszuhandeln. Zugleich erteilte Dönitz dem Hamburger Kampfkommandanten Wolz Vollmacht, die Stadt kampflos zu übergeben. Wolz erhielt Befehl, die Truppen … aus Hamburg herauszuziehen und in die Linie Elmshorn - Bad Bramstedt - Alveslohe, die zu halten ist, zurückzuführen.

Die Lage in Kiel und Holtenau

In Kiel gab es neben dem Kaiser-Wilhelm-Kanal und der Hochbrücke auch etliche andere Einrichtungen, die den Sowjets nicht in die Hände fallen sollten, wie Fabrikationsanlagen mit ihrem militärtechnischen Knowhow wie beispielsweise die Walter-Werke in Tannenberg, die am Bau von Raketentriebwerken und U-Bootantrieben maßgeblich beteiligt waren. Diese Ziele waren den Alliierten so wichtig, daß man sogar ein Luftlande-Unternehmen ("Operation Red Admiral") plante, um sie vor der Roten Armee unter eigene Kontrolle zu bekommen.

Prinz-Heinrich-Brücke Abb.: Die Prnz-Heinrich-Brücke im April 1945. Oben rechts ein Sperrballon. An beiden Ende des Brückenmittelteils sieht man Flakstände. Oben links die Richthofenstraße. Die darunter liegenden Felder gehörten noch bis in die 1950er Jahre der Familie Schack-Schackenborg.

Holtenau und der Kaiser-Wilhelm-Kanal rücken gegen Ende des Zweiten Weltkrieges aus der oben beschriebene Konstellation in den letzten Kriegstagen unerwartet wieder in den Mittelpunkt des Geschehens. Während des Bombenkrieges gegen Kiel war Holtenau trotz Schleusen, Hochbrücke und Flugplatz nur ein Ziel sekundärer Bedeutung. Die Hauptlast der Bombardements mußten das Ostufer mit den Werftanlagen, das historische Zentrum und die Wohnviertel der Industriearbeiter tragen.

Am 2. Mai 1945 warfen britische Bomber noch einmal 174 Tonnen Bomben auf Kiel ab und am 3. Mai flog die Royal Air Force noch 905 Einsätze gegen Ziele in Schleswig-Holstein, wobei es auch zu dem verhängnisvollen Angriff britischer Flugzeuge gegen deutsche Schiffseinheiten in der Lübecker Bucht kam, bei dem 7.000 von der SS auf Schiffen zusammengepferchte KZ-Häftlinge ihr Leben verloren.

Und selbst noch am 4. Mai 1945 flogen Britische Flugzeuge vor der Schleuseneinfahrt und in der Kieler Förde Angriffe gegen Schiffe, die aus dem Kanal ausliefen, denn man wollte den Schiffsverkehr nach Norden - insbesondere nach dem zu dieser Zeit noch nicht besetzten Norwegen - stoppen, und damit auch die Verschiffung von Kriegsmaterial oder die Flucht von belasteten Personen. 1

Verteidigung am Kaiser-Wilhelm-Kanal

Mehrere Auffanglinien sollten in Holstein gebildet werden, während sich Großadmiral Dönitz in Richtung Norden zurückzog, um sich seinen Handlungsspielraum für die folgenden Kapitulations­verhand­lungen zu erhalten und Zeit für die unter Einsatz aller verfügbaren Kräfte laufenden Evakuierungen im Osten zu gewinnen.

Aus eben dieser Überlegung heraus hatte Großadmiral Dönitz hatte noch am 2. Mai befohlen alle noch verfügbaren Kräfte an den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu führen, da dieser unbedingt verteidigt werden sollte um Zeit für Friedensverhandlungen und damit auch für die Evakuierung aus den Ostgebieten zu gewinnen.

Das folgende Telegramm vom 2. Mai 1945 macht die ganze Dramatik dieser letzten Kriegstage deutlich:

Der Großadmiral hat befohlen:
[...]
Der Kampf im Gesamtbereich des Oberbefehlshabers Nordwest ist um Zeitgewinn zu führen. Dabei ist insbesondere ein rasches Durchbrechen auf und über den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu verhindern, um der Reichsregierung die Zeit zu verschaffen, mit Montgomery über den nordwestdeutschen Raum zu verhandeln. Der KW-Kanal ist zu diesem Zweck unter einheitlicher Führung mit allen verfügbaren Kräften zu verteidigen, ohne die Übergänge zu unterbrechen oder zu zerstören. Alle aus Dänemark zufließenden Kräfte sind nördlich des Kanals auszuladen und zum Schutze des Kanals einzusetzen.
Kiel ist in die Verteidigung des KW-Kanals einzubeziehen und entsprechend zu besetzen.

Der Oberbefehl über die noch nicht durch die Alliierten besetzten Gebiete im Norden war durch Dönitz an Generalfeldmarschal Busch übertragen worden. Der "Kampfkommandant" für den nördlichen Teil Schleswig-Holsteins war General Hoffmann. Busch gab am 3. Mai 1945 an Hoffmann den entsprechenden Befehl, alle verfügbaren Kräfte an den Nord-Ostsee-Kanal zu verlegen. Am 4. Mai 1945 gab Dönitz den erneuten Befehl, die Linie nördlich des Nord-Ostsee-Kanals unter allen Umständen zu verteidigen.

Am Morgen des 3. Mai hatte der Küstenbefehlshaber westliche Ostsee Konteradmiral Stichling verlautbaren lassen, daß Kiel zur offenen Stadt erklärt und somit nicht mehr gegen die anrückenden Briten verteidigt werden sollte. Gleichzeitig löste er unter den Codewort Regenbogen die Zerstörung sämtlicher Waffen und militärischen Geräte in seinem Kommandobereich aus. Die Flak verschoß daraufhin ihre ganze Munition und die in der Förde liegenden die Kriegsschiffe ihre Signalmunition in einem Feuerwerk, das sich über Stunden hinzog.

Daß das Gebiet nördlich des Kanals weiterhin verteidigt werden sollte, führte zu der grotesken Situation, daß das Kommando der für Kiel zuständigen Marine-Flakbrigade in Dreilinden sich daher noch im Kriegszustand befand, während es sich gleichzeitig als das für die Stadt Kiel zuständige Kommando für die Kapitulation bereit halten mußte. Der Kommandant der Marineflak ging daher davon aus, daß die Kapitulation für die Gesamtheit der Stadt Kiel und damit auch für die nördlich des Kanals liegenden Kieler Gebiete zu gelten hätte, was dazu führte, daß er abgesetzt und durch einen anderen Kommandanten ersetzt wurde.

Die Verteidigung der Hochbrücken

Ein letztes Aufgebot aus 4 Panzern und einigen Männern wurde daraufhin an den Nord-Ostsee-Kanal entsandt und die Stadt Rendsburg zur Festung erklärt. Aus der Marineschule Flensburg-Mürwik wurden am 2. Mai drei Ausbildungskompanien, die nach ihrem Kommandanten Fregattenkapitän Wiebe benannt mit ca. 120 Soldaten das "Bataillon Wiebe" bildeten, an den Kanal bei Rendsburg (unter Kapitänleutnant Schröder), Levensau (unter Kapitänleutnant Zumpe) und nach Holtenau verlegt um die dortigen Kanalbrücken zu verteidigen. Jeder Soldat hatte nur 6 Schuß Munition zur Verfügung, alles andere war im Rahmen der Aktion Regenbogen vernichtet worden.

Bevor das "Bataillon Wiebe" die Aufgabe zur Verteidigung der Hochbrücke erhielt, lagen dort ortsfremde SS-Einheiten in Stellung, die den Befehl hatten, die Prinz-Heinrich-Brücke in Verteidigungszustand zu versetzen, wofür Munition herangefahren und Flak bereit gestellt wurde.

Den Befehl an der Holtenauer Hochbrücke erhielt Kapitänleutnant Otto Schlenzka — nach dem Krieg Commodore des Kieler Yacht Clubs und Ehrenbürger der Stadt Kiel —, der sich mit seinen Männern in den Baracken der Kanalwachabteilung an der Prinz-Heinrich-Brücke einquartierte und am 4. Mai damit begann, die Stellung an der Brücke auszubauen. Ein Unterstand am Beginn der Brücke auf der Holtenauer Seite diente als Befehlsstelle und auf der Südseite wurden Einmannlöcher ausgehoben. Auf dem südlichen Brückendamm befand sich auf 2/3 Höhe ein kleiner Bunker, der Schlenzkas Truppe als Verpflegungslager diente. Zuerst wurde auch auf der südlichen Seite der Brücke gesichert, nach der Waffenruhe vom 5. Mai, die den Kaiser-Wilhelm-Kanal als Demarkationslinie festlegte, nur noch auf der Nordseite.

Trotzdem hatten einige Soldaten nochmals an das südliche Ufer übergesetzt um von einer dort liegenden Schute Proviant zu besorgen. Kurz nachdem Kapitänleutnant Schlenzka am Vormittag des 5. Mai nochmals Männer auf den südlichen Brückendamm geschickt hatte um Proviant zu bergen kam eine Kolonne britischer Panzerspähwagen den südlichen Brückendamm hinaufgefahren, stoppte am Südende der Brücke und schnitt damit den zum Proviantholen geschickten Männern den Rückweg ab. Es gelang Kapitänleutnant Schlenzka jedoch, seine Leute von den Briten frei zu bekommen, wobei es jedoch Fußtritte und Schläge der Briten einzustecken galt. Daraufhin befahl Kapitänleutnant Schlenzka, das sich am nördlichen Brückenende befindliche eiserne Gittertor zu schließen. Mit Hilfe eines vorgefundenen Bombenblindgängers und eines langen Eisendrahtes als Zündschnur bastelten die Männer eine Bombenattrappe, die vor das Eisengittertor auf die Fahrbahn gelegt wurde. Als britische Soldaten von den Desert Rats die Brücke betraten und auf die Nordseite zu gelangen versuchten, wurden diese von den Deutschen durch lautes Rufen und heftiges Gestikulieren auf die Gefahr aufmerksam gemacht und zogen sich wieder auf das Wiker Ufer zurück.

Interessanterweise scheint auch in diesen letzten Kriegstagen die Kanalfähre noch im Einsatz gewesen zu sein, denn Schlenzka berichtet, daß er einzig von den mit der Fähre nach Holtenau gelangten Zivilisten Informationen über die Lage südlich des Kanals erhielt, während es zum dienstältesten Holtenauer Marineoffizier Kapitän z. S. Kähler keine Verbindung mehr gab.

Am 4. Mai 1945, d. h. am selben Tag als noch ein Angriff gegen Holtenau geflogen wurde, begannen alliierte Emissäre um 16 Uhr in Kieler Rathaus mit den Übergabeverhandlungen. Am selben Tag erreichte eine britische Spezialeinheit Kiel und sicherte hier verschiedene Marineanlagen. Den britischen Truppen war zwar das weitere Vorrücken in den Landesteil Schleswig untersagt, es gab aber von Kiel aus einige Aufklärungsvorstöße in Richtung Eckernförder Bucht.2

Flugplatz Holtenau im Mai 1945 Abb.: Auf dem Flugplatz im Mai 1945. Es sind Flugzeuge der Typen Junkers Ju 52, Junkers Ju 87 und Fokke-Wulf Fw 200.

Flugplatz Holtenau im Mai 1945 Abb.: Auf dem Flugplatz im Mai 1945. Es werden anscheinend Transportflugzeuge vom Typ Junkers Ju 52 betankt.3

Auch auf dem Flughafen Holtenau wurden zum Kriegsende wichtige militärische Anlagen gesprengt, damit sie nicht den Alliierten in die Hände fallen konnten. Hier war noch eine intakte italienische Fernkampfstaffel stationiert, die nicht mehr zum Einsatz gekommen war (siehe auch: Italienerlager).

Konfrontation auf der Prinz-Heinrich-Brücke

Seitens des Oberkommandos der Wehrmacht gab es hinsichtlich des weiteren Vorgehens am Kaiser-Wilhelm-Kanal widersprüchliche Verlautbarungen: So wurde noch am 4. Mai betont, daß der Krieg noch nicht beendet und der Kaiser-Wilhelm-Kanal weiterhin zu verteidigen sei. Ein durch die Kriegsmarine entwaffnetes Bataillon wurde daraufhin wieder bewaffnet und nach Holtenau in Marsch gesetzt. Ein Wehrmachtsmajor des X. Armeekorps in Hamburg hatte den Befehl erhalten die Schleusen in Brunsbüttel zu verminen und die Hochbrücken über den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu sprengen. Dieser Befehl wurde sofort nach Bekanntwerden durch die Kriegsmarine wieder aufgehoben. Weiterhin plante das Marineoberkommando Ost alle im Kanal liegenden Handelsschiffe zu versenken.

Im Laufe der letzten Kriegswochen hatte die Schifffahrtsabteilung der Kriegsmarine im Kanal bis zu 70 Handelsschiffe stilllegen und anbinden lassen, da diese wegen der Knappheit an Treibstoffen oder Bunkerkohle nicht mehr bei der Evakuierung von Zivilisten oder Wehrmachtsangehörigen aus dem Osten eingesetzt werden konnten. Man glaubte, daß die Schiffe hier das Kriegsende heil überstehen würden, da die Alliierten den Kanal wegen seiner Bedeutung für die internationale Schifffahrt bisher weitgehend unversehrt gelassen hatten. Auch diese Absicht wurde unter Hinweis auf die Befehle von Dönitz verhindert. Weiterhin waren auch an den Kanalböschungen Sprengladungen gelegt worden.

Über solche Planungen berichtet auch Otto Schlenzka:

Für uns auf der Holtenauer Hochbrücke verliefen der 6. und 7.5. ohne besondere Ereignisse, mit einer Ausnahme: An einem der beiden Tage, etwa um die Mittagszeit, erschien ein Sturmführer der SS bei mir und teilte mir mit, daß er die Hochbrücke sprengen wolle, ob auf höheren Befehl oder aus eigener Initiative, erinnere ich mich nicht mehr. Jedenfalls stellte ich ihm den Unsinn einer solchen Aktin dar: Waffenstillstand in Kraft, Kapitulation in Kürze bevorstehend, >Werwolf<-Aktionen verboten, daneben ausdrücklich die Sprengung der Kanalbrücken. Eine Sprengung würde außerdem die Zivilbevölkerung, insbesondere die vielen in Holtenau wohnenden, in der Stadt Kiel arbeitenden Bürger, auf Jahre hinaus schwer treffen." Er verschwand daraufhin wieder, ohne daß es zu weiteren Auseinandersetzungen kam.

Ein anderer Versuch die Prinz-Heinrich-Brücke zu sprengen wurde durch das tatkräftige Eingreifen des Holtenauers Heinrich Magnus Ivens verhindert, der als er sah, daß eine kleine Gruppe von Soldaten die Brücke zur Sprengung bereit machen wollte, in seine Offiziersuniform aus dem Ersten Weltkrieg schlüpfte und zusammen mit seinen Nachbarn Hermann Storm die Sprengladung entfernen konnte und die Kindersoldaten mit den Worten Geht nach Hause, Jungs, der Krieg ist zu Ende, und wir Holtenauer müssen auch noch nach dem Kriege über diese Brücke gehen! nach Hause schickte.

Am Morgen des 5. Mai trat schließlich eine Waffenruhe in Norddeutschland gegenüber allen Truppen unter dem Befehl Feldmarschall Montgomery in Kraft. Die Waffenruhe umfaßte die noch seitens der Wehrmacht besetzten Gebiete in Holland, Friesland, Schleswig-Holstein und Dänemark, während gleichzeitig die sich auf See befindlichen Flüchtlingstransporte der Kriegsmarine" wohl mit stillschweigendem Einverständnis Montgomerys" weiterlaufen sollen. Durch diese Waffenruhe standen den britischen Truppen nun die restlichen Schleswig-Holsteinischen Gebiete offen und sie besetzten daraufhin gezielt Flugplätze, u. a. auch den Flugplatz in Holtenau. Es waren in den letzten Kriegstagen viele zum Teil überbesetzte Flugzeuge auf den schleswig-holsteinischen Flugplätzen gelandet, so daß sich die Briten von jedem deutschen Flugzeugtyp je ein Exemplar zur technischen Erprobung sichern konnten.

Um nicht auf den Holtenauer Flugplatz in britische Gefangenschaft gehen zu müssen, zog die Kompanie Schlenzka von der Holtenauer Hochbrücke ab und marschierte wieder in Richtung Flensburg.

Am 7. Mai besetzten die Briten das restliche Holsteinische Gebiet, ohne jedoch den Kaiser-Wilhelm-Kanal zu überschreiten. Auch das Kieler Stadtgebiet wurde durch die 46. Infanterie-Brigade der 15. Division vollständig besetzt. Alle deutschen Bewegungen entlang des Kanals wurden überwacht. Die in Raum Kiel stationierten Einheiten bildeten die Kiel Brigade Area. Ihre Aufgabe war neben der Sicherheit und der Demobilisierung die Beseitigung von Munition, Sprengung von Bunkern (wie auch in Holtenau), die Fürsorge für die Displaced Persons (DP) und die Inhaftierung von belasteten Nationalsozialisten.

Die 30 Assault Unit

Eine weitere in den letzten Kriegstagen nach Kiel entsandte britische Einheit war die 30 Assault Unit, deren Aufgabe die Sicherung von Militärtechnologie war. Dabei stießen diese Spezialkommandos teilweise noch durch die sich zurückziehenden Deutschen Truppen vor, um ihre Ziele zu erreichen. Dies waren in Kiel in erster Linie die Walter-Werke in Tannenberg, die man unbedingt vor den Sowjets erreichen wollte, so daß sogar unter dem Decknamen Red Admiral ein Luftlandeunternehmen gegen den Kaiser-Wilhelm-Kanal geplant war. Weitere Ziele waren die Elac und die Deutschen Werke Friedrichsort, alle drei Weltspitze in der Unterwassertechnologie.

Die 7th Seaforth Highlanders

Am 8. Mai, dem letzten Kriegstag in Europa, übernahmen britische Marine-Infanteristen die Kontrolle über die Kanalschleusen in Holtenau und Brunsbüttel. Soldaten der 7th Seaforth Highlanders besetzen den Flughafen und bewachten die Schleusen. Mit nur 3 Soldaten (!) besetzten die 7th Seaforth Highlanders die Holtenauer Schleusen und bewachten die Anlagen bis zum Eintreffen von Verstärkungen. Die Briten übernahmen das Haus des Schleusenwärters, das plötzlich von einem Geschoß getroffen wurde, ohne daß es dabei Verletzte gab. Hier auf der Schleuse kapitulierten in diesen Tagen auch einige der letzten Schiffe der Kriegsmarine, so auch mehrere deutsche Zerstörer, die teilweise mit bis zu 3.000 evakuierten Soldaten aus den letzten deutschen Brückenköpfen im Osten beladen waren. Flüchtlingstransporte über den Nord-Ostsee-Kanal wurden von den Briten fortan nur noch in Brunsbüttel erlaubt.

Auf dem Flugplatz entwaffneten sie die deutschen Soldaten auf dem Seefliegerhorst und setzen die Flugzeuge außer Betrieb. Auf dem Flugplatz angekommen wurde als einziger britischer Soldat nur der 25-jährige Charles Dunesby als Kontaktperson zurück gelassen während Lieutenant Colonel Hunt zurück fuhr um den Rest des Bataillons zu holen. So befand sich Dunesby plötzlich völlig auf sich allein gestellt inmitten deutscher Truppen. Ein deutscher Offizier bat ihn schließlich in ein Gebäude, in dem gerade 40 bis 50 Flieger beim Essen saßen, die auf Befehl des Offiziers Haltung annahmen. Dunesby wurde gefragt, ob er die Erlaubnis gäbe, daß die Männer weiteräßen, was er bejahte und damit zur Entspannung der an sich absurden Situation beitrug.

Als sich die britischen Soldaten am 7. Mai der Prinz-Heinrich-Brücke näherten, gingen sie vorsichtig vor, weil sie nicht davon ausgehen konnten, daß die deutschen Truppen nördlich des Kanals bereits über den Waffenstillstand informiert worden waren. So befahl der kommandierende britische Offizier Lieutenant Colonel P. M. Hunt zunächst einmal anzuhalten und fuhr dann um 13 Uhr 30 zunächst allein in seinem Panzerspähwagen mit einer weißen Fahne voraus bis zur Barriere an der Brücke, wo er von deutschen Soldaten gestoppt wurde, die tatsächlich noch keine Kenntnis über den Waffenstillstand erhalten hatten und weiterhin den Befehl, die Brücke so lange wie möglich zu verteidigen und sie dann zu zerstören auszuführen gedachten. Erst ein Telefonat mit der deutschen Befehlsstelle auf dem Flugplatz konnte die Situation klären und die Briten durften die Brücke passieren.

Margaret Bourke-White und der Flughafen Holtenau

Eine andere Augenzeugin der Kapitulation der deutschen Truppen auf dem Flugplatz Holtenau war die berühmte amerikanische "Life"-Kriegsfotografin Margaret Bourke-White, die am 7. Mai auf dem Flugplatz landete ohne zu wissen, ob sich das Gebiet bereits unter britischer Kontrolle befand. Sie stellte fest, daß der Flugplatz bereits durch die Royal Air Force besetzt worden war und daß sich die deutschen Luftwaffenangehörigen in der vorhergehenden Nacht über die umfangreichen Alkoholvorräte hergemacht und den Besatzern nichts mehr übrig gelassen hatten.

Margaret Bourke-White Abb.: Margaret Bourke-White.

Eine andere Geschichte schildert Johannes Lachmund:

Morgens um 5:00 Uhr, am 2. Mai, wurde zur nächsten Verlegung gestartet. Es war ein Absetzen vor dem Russen, denn es ging noch ein Stückchen in westliche Richtung. Nach 20 Minuten Flug landeten wir auf dem Flugplatz Kiel–Holtenau. Auch hier schwirrten wieder die wildesten Gerüchte um. Dann hieß es: »Alle Maschinen sollen zur Sprengung vorbereitet werden.« Keiner war dazu bereit! Unsere Disziplin, in ihrer bisher recht vorbildlichen Ordnung, wurde dazu durch allerlei Gerüchte auf eine unheimlich nervöse, fast explodierende Fassung aufgepeitscht. [...] Der Flugplatz war von diesem Angriff verschont geblieben. Doch hatten sich hier inzwischen andere Ereignisse abgespielt. Ohne Starterlaubnis und ganz geheim waren zwei Maschinen von einer anderen StaUel gestartet. Sofort wurden bewaffnete Wachen auf dem Platz aufgestellt, die einen weiteren Fluchtstart verhindern sollten. Im Nachhinein wurde dann auch festgestellt, wer diese »mutigen Besatzungen« waren. Sie hatten sich kurz entschlossen, sich in dieser verworrenen Endphase ohne dienstlichen Auftrag in Richtung Heimat abzusetzen.

Auf dem Flugplatz wurden für die Auswertung bzw. den Weitertransport alle möglichen Flugzeugtypen gesammelt. Es sollen sich hier schließlich folgende Maschinen befunden haben: 3 Arado 196, 4 Blohm&Voss 138, 1 Bücker 181, 1 Fieseler 156, 4 Focke Wulf 190, 1 Focke Wulf 200, 1 Junkers 34, 12 Junkers 52, 4 Junkers 87, 5 Junkers 188, 3 Messerschmidt 109, 10 Messerschmidt 163, 1 Siebel 104. Das macht zusammen 50 Flugzeuge.4

Das Flugboot BV 222 in Holtenau.

In den letzten Kriegstagen wurde auf der Holtenauer Reede auch eines der wenigen verblieben Exemplare des sechsmotorigen Großflugbootes BV 222 Wiking von der eigenen Besatzung gesprengt. Von diesem ehemals für die Lufthansa konzipierten Transatlantik-Flugbooten mit einer Länge von mehr als 36 Metern und einer Spannweite von 46 Metern waren nur 13 Exemplare gebaut worden, die dann kriegsbedingt als Luftwaffentransporter eingesetzt wurden und 92 voll ausgerüstete Soldaten transportieren konnten. Die BV 222 war das größte an Kampfeinsätzen beteiligte Flugzeug des Zweiten Weltkrieges. Zum Kriegsende sollen auf Befehl von Hitlers Pilot Hans Bauer zwei dieser Flugzeuge zur Evakuierung Adolf Hitlers aus Berlin nach Japan bereitgehalten worden sein.

Eine Blohm & Voss 222 Abb.: Eine Blohm & Voss 222 im Jahr 1940.

BV 222 auf Reede vor Holtenau Abb.: auf dieser Luftaufnahme aus dem April 1945 sieht man eine BV 222 unten links der Mitte rechts von mehreren Schiffen auf Reede vor dem Seefliegerhorst und der Halbinsel Voßbrook liegen.

Die Besetzung der Holtenauer Schleusen

Mit nur 3 Soldaten (!) besetzten die 7th Seaforth Highlanders auch die Holtenauer Schleusen und bewachten die Anlagen bis zum Eintreffen von Verstärkungen. Die Briten übernahmen das Haus des Schleusenwärters, das plötzlich von einem Geschoß getroffen wurde, ohne daß es dabei Verletzte gab. Hier auf der Schleuse kapitulierten in diesen Tagen auch einige der letzten Schiffe der Kriegsmarine, so auch mehrere deutsche Zerstörer, die teilweise mit bis zu 3.000 evakuierten Soldaten aus den letzten deutschen Brückenköpfen im Osten beladen waren.

Kommt noch ...

Der Gefangenentransport vom April 1945

Bereits im April 1945 wurde Holtenau von einem anderen Schrecken des Nationalsozialistischen Regimes berührt, obwohl man annehmen darf, daß kaum ein Holtenauer Notiz von dem nehmen konnte oder wollte, was sich damals auf dem Schleusengelände abspielte:

Denn Anfang April 1945 ordnete der Reichsführer der SS Heinrich Himmler im Hinblick auf das Vorrücken der Alliierten die Evakuierung des der Gestapo unterstehenden Polizeigefängnisses Fuhlsbüttel an, woraufhin am 10.April eine Gruppe von ca. 150 Menschen im Hamburger Hafen auf ein Schiff verladen und durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal nach Holtenau transportiert wurde:

Darunter waren nach Aussage des Transportführers Friedrich Wilhelm Röttger >>30 polnische Offiziere und 10 deutsche Männer. Die Frauen waren größtenteils Deutsche.<< Aber an Bord waren auch etwa 30 Luxemburgerinnen und ein Kleinkind. Einige von ihnen befürchteten, dass sie >>zusammen mit dem Kahn auf offener See versenkt werden<< sollten. Den polnischen Offizieren gelang es schließlich, die drohende Panik auf dem Schiff zu verhindern und die angespannte Situation zu beruhigen. Letztendlich erreichte man am 13. April, nach einer Fahrt durch den Kaiser-Wilhelm-Kanal, Kiel-Holtenau. Unter sehr erbärmlichen, menschenunwürdigen Umständen erfolgte anschließend der Marsch durch die Stadt Kiel nach Hassee ...5

Gut Knoop und der Zweite Weltkrieg

Das Gut Knoop hatte im Zweiten Weltkrieg 27 Tote zu beklagen. Im Mai 1941 wurden mehrere Wirtschaftsgebäude durch Brandbomben zerstört, darunter zwei strohgedeckte Scheunen aus dem Jahre 1801. Leider ging auch das kostbare Mobiliar des Gutes während des Zweiten Weltkrieges verloren und im November 1948 wurde zudem "herrenloses" Mobiliar durch die britischen Besatzer an Bedürftige verteilt.

In den letzten Kriegstagen wurden auf dem Knooper Gelände drei auf der Prinz-Heinrich-Brücke aufgefaßte in Hamburg entflohene sowjetische Kriegsgefangene erschossen und im so genannten Russengrab beigesetzt, daß sich zwischen 1945 und ca. 1960 im Rondell am Eingang zum Gut befand.

Das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg

In der Nachkriegszeit wurden auch in Holtenau Denkmäler für die im Krieg gefallenen Holtenauer Soldaten aufgestellt. Erst mit der Aufarbeitung der Geschichte des auf dem Marineschießstand Holtenau hingerichteten U-Boot-Kommandanten Oskar Kusch wurde ein Gedenkstein anderer Art errichtet.

Gedenkstein

Abb.: Gedenkstein für die im Zweiten Weltkrieg gefallenen Mitglieder des TuS Holtenau.

Ein weiteres Denkmal findet sich auf dem Holtenauer Friedhof, wo sieben Findlinge an die Kriegsjahre erinnern sollen.

Gefallene

Neben den in Holtenau durch die Luftangriffe gestorbenen Einwohnern (siehe Bombenangriffe) und den im Verlauf des Krieges auf dem Marineschießstand hingerichteten Wehrmachtsangehörigen finden sich noch folgende Tote (Liste noch unvollständig):

Man muß hier auch noch an eventuell in Holtenau ums Leben gekommene Zwangsarbeiter bzw. Kriegsgefangene denken.

Bombardierung der Kanalschleusen

Zur Frage, warum es seitens der Alliierten keine größeren Anstrengungen gegeben hat, die Schleusen und damit den Kaiser-Wilhelm-Kanal außer Funktion zu setzen, fand ich folgendes Zitat, das evtl. etwas Licht in die befürchteten Absichten der Alliierten bringt:

aus dem KTB Skl [Kriegstagebuch der Seekriegsleitung]: Vom 21.06.1944: Zur Frage des Ausfalls der Schleusen im KW-Kanal hat Ob.d.M. durch Vortrag Amtschefs K VI festgestellt, daß selbst für den Fall, daß alle Schleusen ausfallen, eine völlige Stilllegung des Kanalverkehrs oder eine Zerstörung des Kanalbettes und Bauten nicht zu befürchten ist. Der Wasserstand des Kanals bleibt unter allen Umständen 60 cm über Niedrigwasser, der Kanal kann bei ausgeglichenem Wasserstand von Schiffen ziemlicher Größe befahren werden.6

Anscheinend war den Alliierten die Bedeutung des Kanals für die Kriegswirtschaft — insbesondere für den Bau der Unterseeboote — nicht bewußt.

Info-Splitter

10.05.1945: Evakuierung von deutschen Luftwaffenangehörigen in 3 Ju 52 MS (mit Minensuchring) aus dem Kurland-Kessel unter einer Eskorte von Maschinen des JG 54. Der Feuerbefehl an die deutsche Flakartillerie, die von der sowjetischen Seite an die Deutschen, die ja bereits kapituliert hatten, im Falle flüchtender eigener Maschinen erteilt wurde, wird ignoriert. Im Gegenzug wurden so viele Angehörige der Flakartillerie wie möglich mitgenommen. Bei Bornholm kommt es zu einem letzten Luftkampf mit Sperre fliegenden Sowjetjägern. Aber alle deutschen Maschinen landen "recht unbeschadet" in Kiel-Holtenau".7


© Bert Morio 2017 — Zuletzt geändert: 24-09-2017 17:31


  1. Wie sich später herausstellte, versuchte das Dritte Reich noch kurz vor Kriegsende Rüstungstechnologie per Unterseeboot nach Japan zu verschiffen. 

  2. Möglicherweise weil die dortige Torpedoversuchsanstalt ein wichtiges militärisches Ziel darstellte? 

  3. Da diese Photographien nur mit Mai 1945 datiert sind, besteht die Möglichkeit, dass diese Flugzege zu Evakuierungsflügen nach Osten vorbereitet wurden. 

  4. Vgl.: http://www.geschichtsspuren.de/forum/kriegsende-in-kiel-t19674.html [zuletzt gesehen: 27-11-2016 20:55]. 

  5. und von dort aus ins das KZ in Russee! 

  6. Quelle: Forum Marinearchiv, unter: http://www.forum-marinearchiv.de/smf/index.php?topic=20516.45 [zuletzt gesehen am 19.07.2015]. 

  7. Vgl.: Griehl, Manfred: Luftwaffe '45, Letzte Flüge und Projekte, Motorbuch-Verlag 2005.